Daniel Kannengießer: Ein denkwürdige Schiedsrichterlaufbahn
270 Mal stand Kannengießer als Unparteiischer auf dem DEL2-Eis. Jetzt spricht er über seine Karriere im Team Stripes.
In der Deutschland-Cup-Pause bleibt auch einmal Zeit zu reflektieren und zurückzublicken. In diesem Fall auf eine beeindruckende Schiedsrichter-Laufbahn. Daniel Kannengießer leitete unglaubliche 270 Spiele in der DEL2, ehe kurz vor Beginn dieser Saison seine Zeit als Unparteiischer in der DEL2 zu Ende ging.
Im Interview spricht er über seinen Werdegang, seine Leidenschaft für den Eishockeysport und das Schiedsrichterwesen, und er erinnert sich an besondere Momente seiner Karriere und seinen letzten Einsatz.
Daniel, wie bist du Schiedsrichter geworden?
Daniel Kannengießer: „Ich habe selbst mit sieben Jahren angefangen, Eishockey zu spielen, und war bis zur U20 als Torhüter aktiv. In der Jugend habe ich mit einem Teamkollegen zusammengespielt, der bereits als Schiedsrichter im LEV Bayern tätig war. Wir haben uns immer wieder über seine Erfahrungen und Spiele unterhalten und er hat mir gezeigt, welche Möglichkeiten es gibt, als Schiedsrichter einzusteigen. Gesagt, getan: Mit 16 Jahren habe ich mich für den Schiedsrichterlehrgang beim LEV Bayern angemeldet. Nach einem intensiven Wochenende hatte ich meine Schiedsrichterlizenz in der Tasche. Damals hätte ich wahrscheinlich selbst nicht gedacht, wohin mich dieser Schritt einmal führen würde.“
Allein in der DEL2 hattest du 270 Einsätze. Was war für dich die Motivation, zum Team Stripes gehören zu wollen?
Kannengießer: „Meine Leidenschaft gehört dem Eishockey. Schon seit ich klein war, hat mich dieser Sport fasziniert – die Schnelligkeit, die Intensität, die gesunde Härte und natürlich die Kombination aus Schlittschuhen und Schläger. Für mich ist Eishockey einfach der geilste Sport der Welt. Diese Leidenschaft wollte ich in jedem Spiel mit aufs Eis nehmen und meinen Beitrag dazu leisten, dass ein Spiel sicher und fair abläuft. Genauso wichtig war für mich aber immer das Team. Ich habe es geliebt, gemeinsam mit meinen Kollegen und Freunden auf dem Eis zu stehen, hart zu arbeiten und gleichzeitig Spaß an dem zu haben, was wir tun. Gerade dieses Miteinander und der Zusammenhalt innerhalb des Team Stripes waren für mich über all die Jahre etwas ganz Besonderes. Dass daraus am Ende 270 DEL2-Spiele und neun Jahre in dieser Liga werden würden, hätte ich mir bei meinem ersten Schiedsrichterlehrgang mit 16 Jahren sicherlich nicht vorstellen können.“
Wie viel Zeit hast du in die Arbeit als Schiedsrichter investiert? Da gibt es ja sicher viele Punkte, die der Außenstehende gar nicht sieht.
Daniel Kannengießer: „Puh, das kann ich wahrscheinlich gar nicht genau beziffern. Aber du hast recht: Man investiert deutlich mehr Zeit in die Schiedsrichtertätigkeit, als man von außen vielleicht denkt. Das beginnt mit dem regelmäßigen Fitnesstraining. Gerade im Sommer, wenn keine Spieltage anstehen, investiert man viel Zeit in die körperliche Vorbereitung auf die Saison. Dazu gehört natürlich auch, sich regelmäßig mit dem Regelbuch und unserem Situation Handbook auseinanderzusetzen. Während der Saison kommen regelmäßige Meetings der verschiedenen Ligen hinzu. Dort tauschen wir uns aus, analysieren Spielsituationen, erkennen Trends und arbeiten daran, möglichst einheitliche Standards in der Bewertung von Situationen und Strafen zu haben.
Und dann kommt der eigentliche Spieltag. Schon im Vorfeld muss vieles organisiert werden: berufliche Termine abstimmen, die Anreise planen, die aktuelle Tabellensituation kennen, sich mit Kollegen über besondere Ereignisse aus den vergangenen Spielen austauschen und sich auf die Mannschaften, Spieler und Trainer vorbereiten, auf die man trifft. Am Spieltag selbst versuchen wir, möglichst zwei Stunden vor Spielbeginn und ohne Stress am Stadion zu sein. Das ist für uns nicht immer selbstverständlich, weil wir in der Regel alle noch einem normalen Beruf nachgehen. Ich hatte dabei das große Glück, einen Arbeitgeber zu haben, der mir den notwendigen Freiraum für meine Leidenschaft gegeben hat. Aber auch die Unterstützung meiner Familie darf ich dabei nicht vergessen. Gerade in den vergangenen vier Jahren hat mich meine Lebensgefährtin Jenny enorm unterstützt und mir den Rücken freigehalten. Ohne dieses Verständnis und diese Unterstützung wäre der zeitliche Aufwand in dieser Form nicht möglich gewesen.“
Wie hast du als Schiedsrichter mit deinen KollegInnen Spiele aufgearbeitet?
Kannengießer: „Nach dem Spiel reflektieren wir uns im Team noch einmal selbst: Was ist gut gelaufen? Wo können wir uns verbessern? Haben wir etwas übersehen? Wie war unsere Kommunikation auf dem Eis? Wenn es möglich ist, schauen wir uns auch direkt Spielszenen an. Das hilft bei der Nachbereitung enorm, weil wir eine Situation auf dem Eis nur einmal und innerhalb von Sekundenbruchteilen wahrnehmen und bewerten können. Eine Wiederholung gibt es für uns während des Spiels normalerweise nicht. Zwischen den Spieltagen interessiert man sich natürlich auch dafür, was in den anderen Partien passiert ist. Ich schaue mir regelmäßig Highlights an, diskutiere mit Kollegen über bestimmte Situationen und tausche mich mit ihnen aus. Wenn man das alles zusammenzählt, kommt schon einiges an Zeit zusammen. Schiedsrichter zu sein bedeutet eben nicht nur, am Wochenende für zwei bis drei Stunden auf dem Eis zu stehen.“
Gab es für dich Spiele, die unvergesslich geblieben sind?
Kannengießer: „Es gab über die Jahre natürlich sehr viele Spiele, die mir in Erinnerung geblieben sind. Ein paar besondere Highlights gibt es aber, die man nie vergisst. In der DEL2 bleibt mir vor allem das Finale 2019 zwischen den Ravensburg Towerstars und den Löwen Frankfurt in Erinnerung. Das entscheidende sechste Finalspiel in Ravensburg zu leiten, war für mich ein absoluter Meilenstein in meiner Schiedsrichterkarriere. Aber auch das alles entscheidende Playdown-Spiel zwischen den Tölzer Löwen und den Bayreuth Tigers, das damals den Abstieg der Tölzer Löwen in die Oberliga Süd besiegelte, war ein ganz besonderes Spiel. Die Emotionen und die Leidenschaft auf dem Eis waren unglaublich. Es wurde bis zur letzten Sekunde gekämpft, ehe Ville Järveläinen den entscheidenden Treffer für Bayreuth erzielte.“
Und dein persönliches Highlight…?
Kannengießer: „Mein persönliches Karriere-Highlight war mein Einsatz beim Deutschland Cup 2018 in Krefeld. Ich durfte die Begegnung zwischen der Slowakei und Russland als Hauptschiedsrichter leiten und war damit erstmals auf internationalem Niveau unterwegs. Das war für mich eine riesige Erfahrung und ein Moment, den ich sicherlich nie vergessen werde. Dass ich diese Entwicklung nehmen konnte, verdanke ich auch Menschen, die mir auf meinem Weg Vertrauen geschenkt und mir entsprechende Chancen ermöglicht haben. Einer davon ist Gerhard Lichtenecker, der mir die Möglichkeit gegeben hat, mich in der DEL2 weiterzuentwickeln und schließlich auch beim Deutschland Cup international Erfahrung zu sammeln.“
Du warst neun Jahre in der DEL2 unterwegs. Wie hat sich die Liga sportlich in deinen Augen verändert?
Kannengießer: „Aus meiner Sicht ist die DEL2 über die Jahre deutlich schneller, disziplinierter und professioneller geworden. Die Mannschaften werden jedes Jahr stärker. Es kommen immer wieder Spieler aus der DEL und aus ausländischen Ligen in die DEL2, die das Niveau zusätzlich anheben. Dadurch ist die Liga sportlich immer anspruchsvoller geworden. Was für mich aber einen ganz besonderen Reiz der DEL2 ausmacht, ist, dass grundsätzlich jedes Team jeden schlagen kann. Die Leistungsunterschiede werden immer kleiner und der Kampf um die Tabellenplätze immer enger. Dadurch bekommt jedes einzelne Spiel eine enorme Bedeutung. Jeder Punkt kann am Ende über die Playoffs, die Platzierung oder den weiteren Saisonverlauf entscheiden. Auch für uns Schiedsrichter bedeutet diese Entwicklung, dass die Anforderungen immer weiter steigen. Die Geschwindigkeit und Intensität des Spiels lassen Fehler noch weniger zu und machen es gleichzeitig immer wichtiger, körperlich, regeltechnisch und mental optimal vorbereitet zu sein.“
Schiedsrichter sein, ist selten einfach. Wie wichtig war dir die Kommunikation mit Spielern und Trainern und vielleicht auch mit Fans?
Kannengießer: „Die Kommunikation mit Spielern und Trainern ist aus meiner Sicht enorm wichtig und hat über die Jahre auch immer mehr an Bedeutung gewonnen. Ich habe das Gefühl, dass sich der gegenseitige Respekt und der Umgang zwischen Spielern, Trainern und Schiedsrichtern in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt haben. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Das schafft eine gute Basis für die Zusammenarbeit auf dem Eis. Gerade wenn viel Emotion im Spiel ist, kann man mit kleinen Hinweisen oder einem kurzen Gespräch manchmal viel erreichen.
Es geht nicht darum, jede Situation mit einer Strafe zu lösen. Manchmal reicht ein kurzer Hinweis an einen Spieler oder Trainer, um die Emotionen wieder etwas herunterzufahren und zu verhindern, dass im nächsten Shift eine unüberlegte Aktion daraus entsteht. Für mich war Kommunikation deshalb immer ein wichtiger Bestandteil guter Schiedsrichterarbeit. Natürlich gehört auch dazu, dass nicht jede Entscheidung auf Zustimmung trifft. Das ist Teil unseres Jobs. Entscheidend ist für mich, dass man seine Entscheidungen mit Überzeugung trifft, sie vernünftig kommuniziert und den Spielern und Trainern dabei immer mit Respekt begegnet. Auch der Umgang mit den Fans gehört zum Eishockey dazu. Emotionen und Diskussionen von den Rängen sind Teil dieses Sports. Damit muss man umgehen können – schließlich gehört die Leidenschaft der Fans genauso zum Eishockey wie die der Spieler, Trainer und Schiedsrichter.“
Dein letztes DEL2-Spiel hast du am 21. August 2026 in Landshut geleitet. Wie hast du diesen besonderen Spieltag erlebt?
Kannengießer: „Mein letztes DEL2-Spiel hatte tatsächlich noch einmal alles, was Eishockey ausmacht. Der EV Landshut spielte gegen die Kölner Haie, also ein DEL2-Team gegen einen DEL-Club. Landshut lag zunächst deutlich zurück, kämpfte sich aber noch einmal zurück und erzwang den Ausgleich. Nach einer torlosen Verlängerung ging es ins Penaltyschießen. Viel mehr Spannung hätte man sich für ein letztes DEL2-Spiel eigentlich nicht wünschen können. Was diesen Abend für mich aber besonders gemacht hat, war gar nicht nur das Spiel selbst. Meine Familie und viele Freunde waren im Stadion und haben mich mit Schiedsrichter-Trikots angefeuert und unterstützt. Das war für mich ein unglaublich schöner Moment und hat mir noch einmal gezeigt, wie viele Menschen mich auf meinem Weg begleitet haben.
Ich wusste im Vorfeld, dass es mein letztes DEL2-Spiel sein würde, und durfte mir den Spielort und auch meine Kollegen für diesen Einsatz tatsächlich selbst aussuchen. Das war für mich eine große Wertschätzung. Ich habe mich bewusst für meine engsten Wegbegleiter entschieden: Markus Schütz, Matthäus Riemel und Sören Kriebel. Mit ihnen habe ich nicht nur im DEB und in der DEL2 viele Spiele gemeinsam geleitet, sondern sie waren teilweise über meine gesamte Schiedsrichterlaufbahn an meiner Seite. Nach dem Spiel haben wir uns noch einmal alle gemeinsam für ein Foto versammelt und anschließend bei einem Kaltgetränk in der Kabine zusammengesessen. Das war ein sehr schöner und würdiger Abschluss.“
Wie fällt dein Fazit deiner Zeit als Schiedsrichter aus?
Kannengießer: „Natürlich bin ich auf der einen Seite immer noch enttäuscht darüber, dass es für mich in der DEL2 nicht mehr weitergeht. Neun Jahre und 270 Spiele in dieser Liga gehen schließlich nicht einfach spurlos an einem vorbei. Auf der anderen Seite nehme ich unglaublich viele schöne, aber natürlich auch einige weniger schöne Momente aus dieser Zeit mit. Ich habe in den neun Jahren sehr viel gelernt – nicht nur als Schiedsrichter, sondern auch persönlich. Die DEL2 hat mich geprägt und einen großen Teil meines Lebens ausgemacht. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich vor allem stolz auf das, was ich erreicht habe. 270 DEL2-Spiele sind für mich keine Selbstverständlichkeit. Ich bin dankbar für die vielen Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet, unterstützt und gefordert haben. Mein Kapitel in der DEL2 endet damit zwar, aber meine Leidenschaft für das Eishockey bleibt. Ich freue mich darauf, weiterhin in der Oberliga auf dem Eis zu stehen, meine Erfahrungen einzubringen und vor allem weiterhin das zu tun, was mich seit meinem siebten Lebensjahr begleitet: Eishockey.“